Jugend forsch(t) – Jogi Löw meets „Wilde Kerle“

Filed in Allgemein by on 16. August 2011

Wunderbar, Phänomenal, Unglaublich…wenn wir die Spielweise der „Jungen Wilden“ in der Nationalmannschaft sehen, gehen uns im Moment die Superlative aus. Die „Bild“ bezeichnete nach dem jüngsten Länderspiel gegen Brasilien gar Dortmunds Ausnahmetalent Mario Götze als „Götzinho“. Und zugegeben, es macht wirklich Spaß, dieser Truppe beim Spiel mit dem runden Leder zuzusehen. Was Jogi Löw…

…innerhalb kürzester Zeit in der Nationalmannschaft bewegt hat, ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen. Spieler wie Thomas Müller, Holger Badstuber, Mesut Özil und eben dieser Mario Götze treiben uns als Fußballfans die Tränen der Begeisterung in die Augen.

Doch ist die Vorgehensweise, auf die Jugend zu setzen wirklich so neu?

Denken wir an die jüngste Vergangenheit des Profifußballs stellen wir fest, dass nicht die Deutschen Vereine und der DFB auf die Idee gekommen sind, die Jugend stärker zu fördern. Im Gegenteil. Bisher waren die Bundestrainer vor der Ära Löw eher darauf bedacht, eine erfahrene Truppe zu formieren und in regelmäßigen Abständen junge Talente an bestehende Formationen anzubinden. Nationen wie die Niederlande hatten das noch viel früher erkannt und für talentierte Jugendliche Internate aufgebaut, in denen sie neben dem Fußballspielen auch noch pädagogisch optimal versorgt waren.

Ein Talent wie Mario Götze resultiert auch aus der Tatsache, dass man in Dortmund aus der Not eine Tugend gemacht hat. War der BVB vorher ein Verein, der auch mit fertigen und somit teuren Spielern auflief, setzt Trainer Jürgen Klopp ebenfalls auf junge Spieler. Der Erfolg, nämlich die Deutsche Meisterschaft gibt auch ihm Recht.

Auch die Spanier praktizieren diese Vorgehensweise. Dort wird der Trainer nach dem System gesucht und nicht umgekehrt. Die spanischen Mannschaften sind mit dieser Marschroute sehr gut gefahren. Auf Vereinsbasis sowie auf Länderebene sind die Spanier im Moment das Maß der Dinge.

Dieser Vorgehensweise widersprach in Deutschland geraume Zeit die These, die Mischung müsse stimmen. Bisher wurde angenommen, eine Mannschaft muss aus jungen Spielern und einer Anzahl von älteren „Leitwölfen“ bestehen. Spieler wie Frings und Ballack spielten noch bis weit über ihren Zenit hinaus und hemmten, wie wir jetzt wissen, wohl die moderne Spielweise mehr als sie ihr geholfen haben. Ein Lothar Matthäus spielte noch kurz vor Erreichen des 40. Lebensjahres. Heute wäre er mit diesem Alter im Mittelfeld undenkbar. Der Fußball ist schneller geworden und die Spieler haben weniger Zeit, die richtige Lösung zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Besondere Spieler können das intuitiv, Spieler wie Götze reagieren blitzschnell und haben immer eine Idee parat.

Wie schnell das Spiel im Allgemeinen geworden ist, merkt man daran, wie vehement der Fernsehbeweis gefordert wird. Die Unparteiischen haben immer mehr Probleme, knifflige Situationen richtig zu erkennen. Die Anweisungen der modernen Trainer sind klar. Balleroberung und dann innerhalb von Augenblicken zum Abschluss kommen. Eine Spielweise, die auch uns Fans besser gefällt, als kontrolliertes Ballgeschiebe im Mittelfeld.

Was macht Löw anders als seine Vorgänger?

  • Löw hat eine Idee und die setzt er um. Ohne wenn und aber. Er folgt seiner Vision und schert sich nicht um Einflüsse von außen.
  • Löw spielt nicht ergebnisorientiert. Dem Trainer ist es egal, ob er beim Testen auch mal gegen eine Mannschaft wie Dänemark verliert. Der Weg ist das Ziel und das ist richtig so. Auch wenn man dabei an die Zuschauer denken muss, die viel Geld für eine Eintrittskarte bezahlt und natürlich auch ein Recht auf guten Fußball haben.
  • Der Bundestrainer nimmt keine Rücksicht auf große Namen oder ehemalige Verdienste. Spieler wie Frings oder Ballack haben zweifellos viel für die Nationalmannschaft getan. Aber bei Löw gibt es keinen „Ehemaligen-Bonus“.

Der einzige, der trotz überschaubarer Leistungen im Verein bisher als gesetzt galt, war Miro Klose. Und dieser dankte es Löw mit regelmäßigen Toren, besonders bei Turnieren und Qualifikationsspielen zu diesen. Allerdings merkt man auch im Falle Miro Klose sowie auch Lukas Podolski, dass deren Zeit auch begrenzt zu sein scheint.

Doch eines sollte man nicht vergessen…

Hinter Jogi Löw steckt ein Konzept. Ein Konzept, dass bis in zu den jüngsten Spielklassen konsequent umgesetzt wird und rechtzeitig begonnen wurde. Jetzt können die Früchte geerntet werden.

Dieses Konzept trägt aber auch den Stempel von Matthias Sammer. Der Sportdirektor des DFB hat sich in der Vergangenheit von Trainingsleitern getrennt, die nicht mit der modernen Art, Fußball zu spielen, konform waren. Hohe Bälle sind zu vermeiden und die Grätsche ist verpönt. So wächst eine Jugend heran, die uns Talente wie die Müllers, Götzes und Schürrles beschert, die Fußball nicht wie bisher arbeiten, sondern spielen. Löw kann aus einem schier unerschöpflichen Pool von jungen Ausnahmetalenten schöpfen. Das fördert auch den Positionskampf innerhalb des Kaders. Niemand kann sich sicher sein, dass er gesetzt ist, was sich auch Leistungsfördernd auswirkt.

Sammer setzt das Konsequent wie Löw um und hat einen großen Anteil am momentanen Erfolg.

Wie geht es weiter?

Wie diese neue Art des Fußballspiels der neuen Generation aussehen kann, haben wir bei der WM in Südafrika miterleben können. Mannschaften wie Argentinien und England, die den Trend verpasst haben, wurden von den jungen Wilden überrollt. Der Konter, der damals mit dem Flankenlauf von Mesut Özil eingeleitet und von Thomas Müller grandios abgeschlossen wurde, war modernster Fußball in Reinkultur und für die englischen Spieler schlicht zu schnell.

Die Verjüngung tut unserem Fußball unheimlich gut und es ist fast schon unglaublich, aber auch Spieler wie Özil und Götze mit ihren knapp 20 Jahren spüren schon heißen Atem im Nacken. Die U17 der deutschen Nationalmannschaft spielt auch sehr erfolgreich und man kann erahnen, was auch hier an Talenten hervorgebracht wird. Spätestens hier wird klar, dass nicht alleine Jogi Löw der Vater des Erfolgs ist, sondern ein ganzes Team, das Hand in Hand für dieses Konzept arbeitet und es konsequent durchsetzt.

Wenn das Ergebnis wie jüngst erlebt bedeutet, dass unsere Jungs „brasilianischer“ spielen als die Brasilianer selbst, kann dieses Konzept nur richtig sein.

Es bedeutet aber auch, dass Spieler eine kürzere „Halbwertzeit“ haben und schneller zum Auslaufmodell werden, als es ihnen lieb ist. Jüngstes Beispiel ist Michael Ballack. Über die Vorgehensweise, wie der Leverkusener aussortiert wurde, kann man geteilter Meinung sein. Nicht aber darüber, dass seine Spielweise in diese Mannschaft einfach nicht mehr passt.

Trotzdem, Jogi. Mach weiter mit deiner „Rasselbande“. Ihr macht uns Freude und wir freuen uns auf die kommende EM. Die unsere Jungs übrigens auch mit Bravour erreicht haben.

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