Irgendwann bekomme ich sie alle !!

Schon die Nachricht, dass die Edelsoftwareschmiede Rockstar Games, die solche Hämmer wie Grand Theft Auto oder Red Dead Redemption entwickelte, ein neues Eisen im Feuer hat, ließ die Spielergemeinde mit der Zunge schnalzen. L.A. Noire heißt der neue Spross der „Open-World-Fraktion“ und jede Nachricht, die das Spiel betraf, wurde gierig aufgesogen. Nachdem erste Trailer und Spieleschnipsel unter das Volk geworfen wurden, leuchteten die Augen der Zocker heller als die Neonröhren im Los Angeles der 40er Jahre. Hier erfahrt ihr, ob sich der Ausflug nach Los Angeles lohnt.

Der Lieferumfang

Geliefert wird das Spiel mit einem sehr schönen Cover, auf dem der Schriftzug L.A. Noire in erhabener goldener Schrift ausgedruckt ist. Ein sehr edles Erscheinungsbild. Ein gedrucktes Handbuch ist dabei, was ja auch nicht mehr selbstverständlich ist. Der Umfang des Spiels lässt sich an den 3 Scheiben erkennen, auf denen L.A. Noire gepresst wurde. Voller Vorfreude legen wir die erste Scheibe ins Laufwerk und reisen ins Los Angeles der 40er Jahre.

Worum geht es…?

Eines möchte ich im Vorfeld meines Berichtes klarstellen. L.A. Noire möchte nicht GTA 5 sein und ist es auch nicht. Wer in jeder Aktion den direkten Vergleich mit Rockstars Vorzeigespiel sucht, findet bei jedem Ansatz das Haar in der Suppe. Ich denke, daraus resultieren auch die höchst unterschiedlichen Bewertungen in der Fachpresse, die das Spiel erreichte. Die Tester, die das Spiel als nicht so prall erachtet haben, hatten die „GTA-Brille“ auf, was angesichts der Vorgeschichte von Rockstar auch verständlich ist.

Ihr spielt Cole Phelbs, einen Kriegsveteran, auf dem Weg zum gefürchteten Gangsterjäger. Wie jeder gute Bulle beginnt eure Karriere als Streifenpolizist und ihr müsst die Beförderungen erst durch gute Polizeiarbeit erreichen. Dies schafft ihr durch die Aufklärung von Kriminalfällen. Natürlich hat es Einfluss auf die Bewertung, wie gut ihr den Fall löst. Aber dazu später mehr.

Durch zahlreiche Rückblenden wird uns unser Protagonist und Kriegsveteran außerdem Stück für Stück näher gebracht. Die Rückblenden erzählen die Story um Cole Phelbs und sind sehr stimmig eingestreut.

Das Gameplay

Wer Spiele wie GTA oder Red Dead Redemption schon mal gespielt hat, wird sich sofort mit der Steuerung zurechtfinden. Wie in jedem guten Spiel werdet ihr aber auch durch eure ersten Fälle als Streifenpolizist langsam und gründlich in die Steuerung eingearbeitet. Ihr könnt die Zielorte per Pedes oder mit einem von euch favorisierten Vehikel erreichen. Müsst ihr durch Beweisfunde oder Verhöre eine neue Location aufsuchen, wird diese als Ziel auf der Karte dargestellt. Dabei könnt Ihr selbst hinfahren, oder den Kollegen ans Steuer lassen. Im letzteren Fall überspringt ihr die Autofahr-Sequenz elegant.

Obwohl es sich bei L.A.Noire um ein Open-World-Game handelt, ist es doch linear aufgebaut. Ihr werdet zu den Einsätzen per Funkspruch gelotst und habt wenig Möglichkeiten, nach Belieben kleinere Aufgaben abseits der eigentlichen Hauptstory zu lösen. Diese sind zwar in Form von Nebenquests enthalten, können aber an Vielfältigkeit nicht an GTA heranreichen.

Die Fahrzeugauswahl ist wie gewohnt riesig und natürlich können neben Polizeifahrzeugen auch Privatvehikel konfisziert werden. Die Steuerung der Fahrzeuge gefällt mir persönlich besser als bei anderen Spielen von Rockstar. So war mir die Steuerung in GTA ehrlich gesagt zu schwammig. Hier habt ihr eher das Gefühl, dass die Karre auch macht, was ihr wollt. Und das ist auch wichtig.

Es ist in L.A. Noire nämlich nicht sinnvoll, wie ein Irrer durch die City zu brezeln. Benutzt ihr das Fahrzeug als „Rasenmäher“, wirkt sich das auf die Abschlussbewertung aus. Als Polizist müsst ihr die Zivilisten ja schützen und nicht dezimieren. Ein völlig neues Fahrgefühl. Bei den Titeln der GTA-Serie mäht ihr ein paar Zivilisten um, fährt der Polizei 30 Sekunden davon und seid wieder ein geachteter Bürger.

Wie sieht der Polizei-Alltag nun aus?

Ihr beginnt als Streifenpolizist und werdet sogleich zu einem Mord vor einem Juweliergeschäft gerufen. Hier wurde ein ehrenwerter Bürger vor aller Augen erschossen. Noch bevor die Mordkommission die Bühne betritt, sichert ihr erste Spuren und befragt Zeugen.

Hier beginnt ein großer Kritikpunkt von L.A. Noire, den ich aber ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann. In diversen Tests wurde bemängelt, dass durch die musikalische Untermalung und die Vibration des Controllers auf Beweisstücke hingewiesen wird, die euch bei der Aufklärung des Falls helfen. Durch diese Funktion wurde das Spiel als zu leicht abgestempelt.

Dies kann ich nicht nachvollziehen. Da sich diese Hilfe in den Optionen ausschalten lässt, ist es jedem selbst überlassen, ob er sie in Anspruch nimmt, oder eben nicht.

Ich kaufe mir ja auch keinen Ferrari und beschwere mich, dass die Fahrt mit dem Navi-Gerät zu wenig spontan abläuft.

Wenn ich die Hilfe nicht will, schalte ich sie ab…fertig!

So sucht ihr also Beweise, sammelt diese und verwendet sie gegebenenfalls gegen die Verdächtigen, die nicht lange auf sich warten lassen. Diese Beweise werden in einem schicken Notizbuch gesammelt und fein säuberlich notiert. Dies geschieht automatisch und kann jederzeit aufgerufen werden.

Mit diesen Beweisen im Notizbuch befragen wir also unsere erste Zeugin, die den Mord beobachtet hat. Und hier spielt L.A. Noire seinen größten Trumpf aus. Es ist einfach unglaublich, was die Macher hier geleistet haben. Zum ersten Mal in der Videospielgeschichte könnt ihr am Verhalten und dem Gesichtsausdruck der Personen erkennen, ob sie die Wahrheit sagen oder euch anlügen. Während des Verhörs könnt ihr mit drei Tasten angeben, ob ihr die Aussage glaubt, anzweifelt oder den oder die Befragte der Lüge bezichtigt. Tut ihr letzteres kann es sein, dass der Zeuge „zu macht“ und euch nicht mehr weiterhelfen will. Dann kramt ihr das besagte Notizbuch heraus, legt einen Beweis auf den Tisch und der Zeuge knickt ein…wenn ihr Glück habt. Falls ihr keine schlagkräftigen Beweise habt, könnt ihr „Intuitionspunkte“ einsetzen, die ihr für besonders gute Leistungen erhalten habt. Mit diesen Intuitionspunkten streicht ihr falsche Fragen in eurem Buch und macht euch das Leben etwas leichter.

So kämpft ihr euch durch das Spiel und die Karriere als Polizist. Nach erfolgreichem Lösen des ersten Falls werdet ihr auch schon zum Verkehrsdezernat befördert. Einer steilen Karriere steht also nix mehr im Wege und bald ziert ihr das Morddezernat mit eurer Anwesenheit. Hauptstrang der Handlung ist die Suche nach einem Serienkiller, dessen Morde sich an eine real stattgefundene Mordserie orientieren. Leider verzettelt sich das Spiel oft, so dass die intensive Suche nach diesem Mörder etwas in den Hintergrund gerät.

Beim Gameplay sollte man eines ganz deutlich sagen. Ohne ausreichende Kenntnisse der englischen Sprache fällt es deutlich schwerer, das Spiel zu bestreiten. Durch die englische Sprachausgabe, gespickt mit deutschen Untertiteln wird es schwer, dem Gespräch zu folgen und dabei die Mimik der Verdächtigen zu beobachten. Die Grundkenntnisse der englischen Sprache sind unbedingt notwendig, um den Spielspaß deutlich zu steigern. Habt ihr diese nicht, versucht ihr dem Text unten zu folgen und könnt die Gesichter nicht ausreichend beobachten.

Neben der Tätigkeit in den Hauptmissionen werdet ihr noch zu Kurzeinsätzen gerufen, bei denen ihr Kollegen helfen müsst. Dies kann in einer kleinen Verfolgungsjagd oder einer Schießerei enden. Leider ist hier mein größter Kritikpunkt in L.A. Noire zu finden. Die Kämpfe sind deutlich zu einfach. Bei Keilereien reichen euch einfachste Schlagfolgen, um die Gegner auszuknocken. Auch bei Schießereien seid ihr durch die Zielhilfe eigentlich immer auf der Gewinnerseite. Das ist entschieden zu einfach. Wenn schon Kampf, dann auch fordernd.

Solltet ihr bei einem Nebenquest oder einem Verhör vesagen, könnt ihr von vorne beginnen. Somit ist das Spiel sehr Einsteigerfreundlich.

Die Grafik

Grafisch ist das Game wie es von Rockstar zu erwarten war, eine Augenweide. Mir persönlich fällt es schwer, bei so einem Spiel das berühmte Haar in der Suppe zu suchen. Man kann natürlich bemängeln, dass auf der Straße dem ein oder anderen zu wenig los ist. Ich kann damit leben.

Die Fahrzeuge und Personen sind schön gezeichnet und bringen das Los Angeles in dieser Zeit wunderbar rüber. Man hat das Gefühl, in dieser Zeit zu leben, wenn man mit Phelbs unterwegs ist.

Grafisches Highlight des Games sind zweifellos die handelnden Personen. Es gab definitiv noch kein Spiel, dass die Mimik der Akteure so grandios in Szene gesetzt wurde. Die Zeugen und Verdächtigen benehmen sich unschuldig, hämisch, schnippisch und jede dieser Gefühlsregungen ist an den Gesichtern abzulesen. Der Wahnsinn und sicherlich auch ein Grund für die drei DVDs, auf die das Spiel gepackt ist.

Das ab und zu ein Ruckler im Spiel ist, oder ein Pop-Up stört ist bei Open-World-Spielen nicht ungewöhnlich und stört mich auch nicht großem Maße.

EA Sports schafft es schon seit Super Nintendo Zeiten nicht, ein ruckelfreies FIFA hinzubekommen und hat trotzdem Millionen Fans auf der Welt. Solange sich die Grafikfehler in Grenzen halten und es keine Dia-Show wird, ist das meiner Meinung nach in Ordnung.

Die Musik

Die Musik in L.A. Noire finde ich grandios. Wenn ihr das Spiel zockt, wartet ihr eigentlich nur darauf, dass es an der Tür klingelt, und Al Capone vor euch steht. Wunderbar und stimmig, so soll die musikalische Untermalung sein. Dabei brauche ich keinen Radio im Auto, bei dem ich aus 20 Sendern wählen kann.

Mein Fazit

Wie ich oben schon schrieb, hatte Rockstar hier mit Sicherheit nicht vor, ein neues GTA auf den Markt zu bringen. Viel mehr ist es ein spielbarer Film auf höchstem Niveau. Man kann es als Aperitif sehen auf das, was noch von dieser grandiosen Softwareschmiede kommt.

Rockstar Games hat hier neuen Boden betreten und diese Sache meiner Meinung nach auch gut gelöst. Wenn ihr die „GTA-Brille“ absetzt, erwartet euch ein tolles Spiel mit einer wunderschönen Atmosphäre. Die wichtigsten Punkte im positiven als auch im negativen möchte ich hier noch mal erwähnen.

Gefallen hat mir:

  • Grafik, die den Stil des Los Angeles in den 50er Jahren grandios einfängt
  • Musik, die diese Stimmung noch unterstützt
  • Mimik der handelnden Personen
  • Open World (wenn auch ziemlich linear)
  • Tolle Fahrzeugsteuerung
  • Spannende und komplexe Story
  • Hilfen für Einsteiger
  • Klasse Schauspieler
  • Schadensmodell der Fahrzeuge
  • Freischaltbare Goodies

Weniger gut gefällt mir:

  • Kampfsystem mit Fäusten oder Waffe
  • Zu wenige Nebenquests
  • Wiederkehrendes „Drei-Knöpfe-Spielprinzip“ bei den Verhören
  • Keine Indizien bzw. Spielraum bei der Interpretation der Beweise
  • Monotones Spielprinzip

Das Spiel ist sicherlich nicht der absolute Überhammer, den uns die Werbung und auch die Release-Notes versprochen haben. Es bietet noch einiges an Verbesserungspotenzial und ist somit als ein Vorreiter für ein neues Spielgenre zu sehen. Dies aber zugegebenermaßen äusserst edel und schick verpackt.

Es ist auch endlich mal eine andere Location für ein Open-World-Spiel. Ein sehr schöner Gegenpol zur Overdose an „Gangsta-Hip-Hop-Verbrechern“. Mir macht der Ausflug nach L.A. einen Heidenspaß und ich freue mich schon auf die nächste Session mit meinem Verbrecherjäger im schnieken Anzug.

Meine Wertung für das Spiel liegt bei 80%