Ach, wie war das schön…

Im Radio liefen Samantha Fox und Queen, Formel Eins zu schauen war Pflicht und die Zockergemeinde hatte mit dem guten alten „Brotkasten“ C64 und dem späteren Amiga 500 von Commodore die Möglichkeit, Videospiele zu Hause zu erleben, die grafisch auch etwas zu bieten hatten. Vorbei waren die Strichmännchen des Atari und es wurde die Ära eingeläutet, die den Siegeszug der heutigen Konsolen begründete. Und den Siegeszug einer japanischen Beat`em Up-Serie…

In den späten Achtzigern kam, noch weitestgehend unbeachtet von der Spielergemeinde, der erste Teil der „Street Fighter“-Serie auf den Markt. War diese noch den eher computerlastigen „Konsolen“ vorbehalten (C64, Amiga 500, Turbo CD), konnte die Serie ab Teil 2 einen weltweiten Siegeszug auf den Konsolen antreten. Diese war unter anderem auf dem beliebten Super Nintendo spielbar und legte in puncto Optik nochmals gehörig zu.

Es gab eine bunte, im Comicstil gehaltene Grafik zu bewundern, die damals natürlich noch zwangsläufig in 2D programmiert wurde. Die Kämpfer waren im Verhältnis zum Rest sehr groß gehalten und hatten etwas Neues zu bieten. Erstmals konnten sogenannte „Special-Moves“ ausgeführt und der Gegner mit gekonnten Tastenkombinationen auf die virtuellen Bretter geschickt werden. Durch drücken der Tasten in einer festgelegten Reihenfolge konnten Schlagkombinationen mit einer hohen Effektivität eingesetzt werden. Schlagkombinationen, die ununterbrochen ohne Gegenwehr des Gegners gesetzt wurden, zogen massiv Energie vom Balken des Gegners. Die Möglichkeit dieser Special-Moves war mit Sicherheit einer der Hauptgründe des Siegeszuges der „Street-Fighter“– Serie und ein Grundstock für den späteren Erfolg der Firma Capcom aus Japan.

Die 80er sind zurück…

Ab und zu wird gerne mal ein Kampfspiel entwickelt, in dem Charaktere aus verschiedenen Serien gegeneinander antreten. Dabei ist es egal, ob es sich um Figuren aus Videospielen oder Protagonisten aus Comics und späteren darauf basierenden Filmen handelt.

Es ist wieder einmal soweit. Mit Marvel vs. Capcom 3 „Fate of two Worlds“ betritt wieder ein alter Bekannter die Bühne und lässt die Comic-Helden auf die Videospielkämpfer los.

Dabei wird die oben beschriebene, bunte Grafik bedient, die uns damals auch in ihren Bann zog. Entgegen dem überall zu findenden 3D-Stil wird bei MvC3 in der zweiten Dimension getreten und geschlagen. Dabei denkt der Spieler sofort an den Urahn der „Klopper“ aus dem Hause Capcom. Das „Street Fighter-Gefühl“ ist zurück. Und das auf höchstem Niveau.

Worum geht es?

Eine opulente Hintergrundgeschichte ist bei Beat`em-Ups selten gegeben, deshalb ist diese auch schnell erzählt. Eine handvoll Schurken, darunter z. B. Albert Wesker (der Bösewicht aus Resident Evil) und Doctor Doom schließen sich zusammen, um ihren Anspruch auf beide Welten notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Galactus zwingt dann jedoch beide Parteien zur Kooperation, um das Problem zu lösen. Und wer jetzt findet, das ist äußerst spärlich, dem kann man nur zustimmen. Gott sei Dank ist das aber bei Beat`em Up`s eher zweitrangig und kein Mensch erwartet hier eine Hintergrundgeschichte epischen Ausmaßes.

Leider wird die Story nicht in Form von Zwischensequenzen oder Videos erzählt, dies ist aber aufgrund der erwähnt dünnen Hintergrundstory zu verkraften.

Enttäuschend ist allerdings der Abspann beim Durchspielen mit einer Figur im Story-Mode. Außer ein paar kleinen Bildchen und jeder Menge Text wird leider nix geboten.

Und wie spielt sich das Ganze?

Es gibt vier verschiedene Spielmodi:

  • den guten alten Arcade-Mode, für Spieler, die sich alleine in einem schnellen Fight stellen möchten
  • den Vs-Mode, um sich mit menschlichen Gegnern zu messen
  • den Story-Mode, in der mit einem Spieler bis zum Ende durchgespielt wird
  • und natürlich den Trainingsmodus um insbesondere Special-Moves zu erlernen

Zu Beginn des Spiels sucht sich der Spieler drei Kämpfer aus einer Liste von 32 bekannten Figuren. 4 weitere Fighter können freigeschaltet werden. Ob Ihr nun Spiderman, Wolverine, Hulk , Wesker oder einen anderen Protagonisten wählt, bleibt Euch überlassen. Während des Kampfes könnt Ihr auch „abklatschen“ und einen neuen Recken aus den drei vorher auserwählten in den Fight schicken oder auch mit mehreren gleichzeitig zu Werke gehen. Per Download sollen laut Capcom weitere Kämpfer folgen.

Das Spiel ist grundlegend mit den drei Aktionstasten belegt, die vierte ist zum launchen des Gegners vorgesehen. Dies geht nach einiger Zeit auch gut von der Hand und es sind bald einige Combos erlernt. Insgesamt wurde das Kampfsystem vereinfacht, bringt aber nach wie vor etliche Möglichkeiten, dem Kontrahenten die Energie zu rauben. Was anfangs wie eine wilde Klopperei aussieht und mit einfachen Tastenbefehlen zu schaffen ist, fordert mit anspruchsvolleren Gegnern und fortschreitender Spieldauer auch immer mehr die Special-Move-Fähigkeiten des Spielers.

Es ist auch eine Art „Handicap“ zuschaltbar, der sogenannte Simple-Mode. Hier lassen sich die Combos wesentlich einfacher ausführen, da sie nur mit den drei gängigen Tasten zu bewerkstelligen sind. Somit können auch schwächere Spieler ein effektreiches und energiefressendes Feuerwerk zünden. Dieser Mode ist dann interessant, wenn man gegen tendenziell schwächere Gegner kämpft. Richtig lernen kann man die Schlagkombinationen hier natürlich nicht, aber man kann auch mal gegen die Frau oder die kleine Schwester spielen.

Das Spiel bietet einige freischaltbare Goodies wie z. B. Artworks oder Epiloge…

Das Design

Grafisch ist das Spiel nicht nur für Retrofans ein absoluter Genuss. Die Engine läuft ruckelfrei, die Animationen sind technisch ohne Makel und abwechslungsreich im Hintergrund. Vor allem aber sind die Grafiken eines: Bunt, bunt und nochmals bunt. Durch die Größe der kämpfenden Figuren kann das Spiel bei mehreren gleichzeitig agierenden Kämpfern etwas unübersichtlich werden. Dafür ist dann gnadenlose Action auf dem Bildschirm. Untermalt wird das Ganze mit einem schönen Techno-Soundtrack, der gut zum Spiel passt. Gerade bei Combos und Schlagfolgen spielt sich ein wunderschönes grafisches Spektakel ab. Die Helden sind detailliert gezeichnet und hübsch anzuschauen.

Der Online-Mode

Natürlich muss ein Spiel, das heute etwas auf sich hält, einen Online-Mode bieten. Diesem Umstand trägt natürlich auch Capcom Rechnung und ermöglicht es dem Spieler, online gegen Gleichgesinnte anzutreten. Dabei hat sich die japanische Softwareschmiede ein besonderes Gimmik einfallen lassen. Durch die Funktion „Online-Lag“ lässt sich die Reaktion auf die Tastenbefehle in fünf Stufen auf ihre Verzögerung einstellen. Damit sollte es aber nicht übertrieben werden. Denn die „lahmende“ Reaktion beeinflusst später das Gefühl im Offline-Modus, das dann wieder normal ist. Eine Funktion, die zwar nett gemeint ist, das Spielgefühl im späteren Offline-Modus aber deutlich trüben kann.

Fazit

Das Spiel fühlt sich an wie ein wunderschöner alter VW-Scirocco mit der Technik von heute unter der Haube. Kinder der 80er werden sofort wieder an die Anfänge der Beat`em Ups erinnert und daddeln mit verzückten Augen. Für die jüngere Generation wird die Bonbon-Grafik anfangs ein bisschen wie ein Flash sein, aber auch sie werden sich dem Charme der Retro-Prügelei nicht entziehen können. Die Japaner besinnen sich ihrer Wurzeln und liefern ein grundsolides, spaßiges und mit Effekten vollgepacktes Spiel ab.

Wer „Fate of two Worlds“ gespielt hat, kramt seinen Amiga oder das Super Nintendo wieder raus und lässt Ken und Ryo wieder auferstehen.

Mir macht der virtuelle Ausflug in das Beat`em Up – Feeling der 80er einen grandiosen Spaß. Das Spiel sorgt bei Spielern für Spaß, kompromisslose Action und so manchen Lacher. Genau so sollte ein Spiel sein…

Für Fans von Kampfspielen eine unbedingte Kaufempfehlung.